Bertolt Brecht: 1940 [1] 

 

Mein junger Sohn fragt mich [2]  : Soll ich Mathematik lernen?

Wozu, möchte ich sagen. Daß zwei Stücke Brot mehr ist als eines

Das wirst du auch so merken.

 

Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Französisch lernen?

Wozu, möchte ich sagen. Dieses Reich geht unter. Und

Reibe du nur mit der Hand den Bauch und stöhne

Und man wird dich schon verstehen.

 

Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Geschichte [3]  lernen?

Wozu, möchte ich sagen. Lerne du deinen Kopf in die Erde stecken

Da wirst du vielleicht übrigbleiben.

 

Ja, lerne Mathematik, sage ich [4] 

Lerne Französisch, lerne Geschichte!

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 [1] Warum Thema „Lernen“ gerade zu diesem Zeitpunkt ?


 [2] Das lyr. Ich [Vater / Mutter ?] wird vom „jungen Sohn“ dreimal gefragt, ob es bestimmte Fächer lernen soll.

Diese drei Fächer stehen für die Lernbereiche der gymnasialen Oberstufe (Naturwissenschaften, Framdsprachen, Gesellschaftswissenschaften) und repräsentieren damit den „Bildungskanon“.

Das lyr. Ich möchte  (Modalverb, wie ein Konjunktiv = Potentialis gebraucht) als Angesprochener (im Hinblick auf die Zeitumstände) voreilig die Frage negativ beantworten (fiktive / theoretische Antwort). In Form eines inneren Monologs konstatiert es zunächst, daß zum Überleben, zur Erhaltung der nackten Existenz  Rechnen überflüssig sei: zukünftig (Futur: „wirst“) merkt man, daß zwei Stücke Brot mehr ist [sic!] als eines.

Auf die Frage, ob er Französisch lernen soll, erhält der Sohn zur Antwort: „Dieses Reich geht unter.“ Ist damit Frankreich oder das Dritte Reich gemeint? Wenn Frankreich unterginge, bräuchte man weder Französisch noch müßte man sich durch Gesten verständigen. Also ist das Dritte Reich gemeint: Als Soldat bzw. Gefangener im Ausland bzw. gegenüber den französischen Besatzern muß man und kann man sich non-verbal verständigen.


 [3] Das Motiv des „Vogel Strauß“, der angeblich bei Gefahr seinen Kopf „in den Sand steckt“, wird hier bemüht, um das Lernen historischer Fakten zunächst abzulehnen. Diese Ablehnung wird aber relativiert durch das „vielleicht“: wenn man aus der Geschichte nicht lernt, wie Kriege entstehen und wie man sie aktiv verhüten kann, dann bleibt  man nur „vielleicht übrig“.


 [4] Abrupt erfolgt dann die positive , jetzt ausgesprochene und nicht mehr nur gedachte Aufforderung „Ja, lerne... sage ich“. Durch diese Dialektik (V-Effekt) soll der Leser aufgefordert werden, den Gedankengang, der zu dieser entgegengesetzten Aufforderung führte, selbst zu erarbeiten, damit er als eigenständiges Denkergebnis, nicht als aufgepfropfte Zeigefinger-Didaktik besser wirkt.