Bertolt Brecht: Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen

 

Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen [1]  

Daraus entnehme ich: ihr seid Millionäre.

Eure Zukunft ist gesichert - sie liegt

Vor euch im Licht. Eure Eltern

Haben dafür gesorgt, daß eure Füße

An keinen Stein stoßen. Da mußt du [2]  

Nichts lernen. So wie du bist

Kannst du bleiben.

 

Sollte es dann noch Schwierigkeiten geben,

Da doch die Zeiten

Wie ich gehört habe, unsicher sind [3]  

Hast du deine Führer, die dir genau sagen

Was du zu machen hast, damit es euch gut geht [4]  .

Sie haben nachgelesen bei denen

Welche die Wahrheiten wissen

Die für alle Zeiten Gültigkeit haben

Und die Rezepte, die immer helfen [5]  .

 

Wo so viele für dich sind

Brauchst du keinen Finger zu rühren [6]  .

Freilich, wenn es anders wäre

Müßtest du lernen.

 

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 [1] Während sich „Lob des Lernens“ an Erwachsene wendet, sind hier die Adressaten des lyrischen Ichs Kinder. Aus der Unterstellung / Information vom Hörensagen, schlußfolgert es provokant, daß die Ansprechpartner so viel Geld hätten, daß ihre „Zukunft […] gesichert“ sei. Sie liege klar vor ihnen „im Licht“ [und die im Dunkeln sieht man nicht…]. Die Eltern haben ihnen den Weg geebnet [Psalm 91,11.12: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Vgl. auch Matth. 4,6: „und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln überdies Befehl tun, und sie werden dich auf den Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

  [2] Unvermittelt wechselt das lyr. Ich vom Plural in den Singular, durch die unmittelbare Ansprache wirkt die Aussage persönlicher, direkter. Unter dieser Prämisse „mußt du nichts lernen“, man muß sich nicht ändern.

  [3] Vom Hörensagen hat das lyr. Ich die unbestimmte Information, daß die Gegenwart doch nicht so sicher ist. -

  [4] Doch wenn es deswegen Schwierigkeiten geben sollte, hast du deine Führer, die dir genau sagen, was du zu machen hast, damit es euch gut geht.“ Hier hat der Wechsel vom Singular zum Plural eine inhaltliche Entsprechung: der Gegensatz zwischen Individuum und Kollektiv wird übergangen, das Allgemeinwohl (oder das der „Führer“ allein) wird mit dem Individualinteresse gleichgesetzt.

  [5] Wenn die Führer nachgelesen haben, könnte man das auch selbst tun und die Aussagen überprüfen. So ist man auf deren Information angewiesen. Diese Information ist aber falsch, es gibt viele Lügen, aber nur eine Wahrheit (die Unmöglichkeit des Plurals wird deutlich in der verballhornten Eidesformel: „Ich schwöre, die Wahrheiten zu sagen und nichts als die Wahrheiten.“) Die Wahrheit ist aber historisch wandelbar (wächst mit der Erkenntnis: die Erde ist eine Scheibe, die Erde bildet den Mittelpunkt des Weltalls...), hat also nicht „für alle Zeiten Gültigkeit“, so wie es auch keine „Rezepte [gibt], die immer helfen.“

  [6] Noch einmal wird betont, daß ein Millionär mit seinem Vermögen, seinen Eltern, seinen Führern und Helfern es nicht nötig hat, einen „Finger zu rühren.“ Dann kommt wieder unvermittelt der dialektische Gegensatz, der zum eigenständigen Nachdenken, zum dauerhaften Erkenntnisgewinn auffordert: „Freilich, wenn es anders wäre / Müßtest du lernen.“ Man wird vor die Entscheidung gestellt, ob die Voraussetzungen / Annahmen stimmen, oder ob man doch selbst lernen muß.