LAMARCK: Zoologische Philosophie

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Die Natur hat alle Tierarten nacheinander hervorgebracht. Sie hat mit den unvollkommensten oder einfachsten begonnen und mit den vollkommensten aufgehört. Sie hat ihre Organisation stufenweise verwickelt. Indem sich die Tiere allgemein auf alle bewohnbaren Orte der Erde ausbreiteten, hat jede Art derselben durch den Einfluß der Verhältnisse, in denen sie sich befand, ihre Gewohnheiten und die Abänderungen in ihren Teilen erhalten, die wir bei ihr beobachten.

Die wahre Ordnung der Dinge, die wir hier betrachten wollen, besteht nun darin:

1. daß jede ein wenig beträchtliche und anhaltende Veränderung in den Verhältnissen, in denen sich eine Tierrasse befindet, eine wirkliche Veränderung der Bedürfnisse derselben bewirkt;

2. daß jede Veränderung in den Bedürfnissen der Tiere andere Tätigkeiten nötig macht, um diese neuen Bedürfnisse zu befriedigen, und folglich andere Gewohnheiten;

3. daß jedes neue Bedürfnis, indem es neue Tätigkeiten seiner Befriedigung nötig macht, von dem betreffenden Tier entweder den größeren Gebrauch eines Organs erfordert, von dem es vorher geringeren Gebrauch gemacht hatte, wodurch dasselbe entwickelt und beträchtlich vergrößert wird, oder den Gebrauch neuer Organe, welche die Bedürfnisse in ihm unmerklich durch Anstrengung seines inneren Gefühls entstehen lassen...

vgl. auch HOFF / MIRAM: Evolution TEXT 17.1 "Zwei Naturgesetze..."

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1881 formulierte Hippolyte TAINE (im Anschluß an Auguste COMTE) seine MILIEUTHEORIE. Danach ist der Mensch das Produkt seiner Erbanlagen, seiner Erziehung und seiner menschlichen und kulturellen Umwelt: die Forderungen der Moral wurden in ihrer Zeitbezogenheit erkannt.

J. B. WATSON (1878-1958), Behaviorist:

"Geben Sie mir ein Dutzend gesunder Kinder und meine eigene besondere Welt, in der ich sie erziehe! Ich garantiere, daß ich blindlings eines davon auswähle und es zum Vertreter irgendeines Berufes erziehe, sei es Arzt, Richter, Künstler, Kaufmann oder auch Bettler, Dieb, ohne Rücksicht auf seine Talente, Neigungen, Fähigkeiten, Anlagen, Rasse oder Vorfahren."

(zit. nach "Organismus" neu)

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Fehlerhafte (lamarckistische) Formulierungen:

Ein Lebewesen paßt sich an. (aktiv / reflexiv)

Nur die adaptiv-modifikatorische Anpassung eines Individuums als individuelle Reaktion innerhalb der genet. vorgegebenen Reaktionsnorm ist möglich, diese ist nicht vererbbar.

"um ... zu" / "damit" fehlerhafte finalistisch / teleologische Formulierung, unterstellt Zielgerichtetheit bzw. planende Absicht

ACHTUNG:

pos. Selektion -> auswählen, "Auslese"

neg. Selektion -> ausmerzen

S E L E K T I O N SFAKTOREN

a) biotisch

- Artgenossen als Konkurrenten um Ressourcen (Nahrung, Revier, Partnerwahl --> begrenzende Faktoren)

- sexuelle Auslese bei der Partnerwahl

  • - artfremde Konkurrenten (-> Konkurrenzvermeidung durch Annidation - Einnischung in ökolog. Nische)
  • - Freßfeinde (koevolutive Bez.)

    - koevolutive Fortpflanzungsbeziehung (Blüten - Insekten, Früchte / Samen - Tiere)

    - Parasiten / Krankheitserreger

    - Mensch als Züchter / Umweltveränderer

    b) abiotisch: Einflüsse der unbelebten Natur wie Temp., Niederschlag, Windverhältnisse, Bodenbeschaffenheit, chem. Bedingungen

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    Teilzieher: Im Herbst steht die wichtigste Entscheidung des Jahres an: bleiben oder wegfliegen. Wer ausharrt und den Winter überdauert, kann sich danach fast konkurrenzlos die besten Reviere aussuchen, ehe die Zugvögel vom Mittelmeer oder gar aus Afrika wieder einfallen. Hat jedoch der Frost die Seßhaften dezimiert, können die Heimkehrer frei wählen.

    Blaufußtölpel: Erstgeschlüpftes wirft nach wenigen Stunden Geschwisterjunges aus dem Nest, wo es qualvoll vertrocknet --> Schutz des Überlebenden. Falls neg. Eigenschaft --> abweichende Mutante hat Selektionsvorteil, wenn sie andere nicht aus dem Nest wirft.

    Blutsaugende Darwin-Finken: (spitzschnäbelige Grundfinken, evtl. entstanden aus Putz-Symbiose, vgl. zeckensuchende F. bei Meerechsen / federlaussuchende F. bei anderen Vögeln) picken blutgefüllte Kiele neuwachsender Federn an, Wunde lockt andere an, schadet aber scheinbar nicht. Junge Masken-Tölpel beugen Nacken als Beschwichtigungsgeste (bieten Hinterkopf an), um Aggression von Artgenossen zu vermeiden; Verhalten wirkt nicht auf Vampir-Finken, picken die Haut an, da Kiele fehlen, bis das Tier tot ist. Eierdiebe: rollen Eier vom Tölpel-Nest weg, Ei wird nicht mehr als eigen erkannt.

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    Entstehung von Schwimmhäuten bei Wasservögeln

    "Ein Ufervogel, der nicht gerne schwimmt, seine Nahrung aber nur am Ufer finden kann, wird dabei immer Gefahr laufen einzusinken. Um seinen Körper vom Wasser fernzuhalten, wird er seine Beine schließlich daran gewöhnen, sich zu strecken und zu verlängern. Spätere Generationen dieser Vögel werden dann, wenn sie diese Lebensweise beibehalten, schließlich auf langen und nackten Beinen zu stehen kommen wie auf Stelzen."

    Nach LAMARCK:

    - Im Tier entsteht das Bedürfnis, seine Nahrung im Wasser zu suchen. (Alternativ: Das Tier sucht am sumpfigen Ufer seine Nahrung -> Veränderung der Umwelt -> Veränderung der Bedürfnisse.)

    - Um nicht einzusinken bzw. um besser bei Schwimmversuchen

    vorwärtszukommen (final), spreizt es immer wieder die Zehen. (andere Gewohnheiten / andere Tätigkeiten -> Kräftigung)

    - Bei ständiger Gewohnheit dehnen sich nun die Häute zwischen den Zehen immer stärker, bis schließlich mit der Zeit Schwimmhäute entstehen.

    - Diese individuelle erworbene Eigenschaft wird auf die Nachkommen vererbt.

    Nach DARWIN:

    - Die verschiedenen Individuen einer Art zeigen individuelle Unterschiede (aufgrund unterschiedlicher Mutationen bzw. inter- und intrachromosomaler Rekombination) in bezug auf viele Körpermerkmale.

    - Ein Vogel hat als erbliche Unterschiede etwas breitere Häute zwischen den Zehen.

    - Im Kampf ums Dasein - in diesem Fall beim Konkurrieren um die im Wasser zu findende Nahrung - hat der Vogel mit den etwas breiteren Zwischenzehenhäuten die größeren Chancen, denn er wird schneller sein als die anderen (und kann auch vor Freßfeinden schneller fliehen).

    - Wenn er besser ernährt ist, ist sein Aussehen attraktiver und er kann ausdauernder balzen: sexuelle Auslese bei der Zuchtwahl.

    - Er wird also auch mehr Junge hervorbringen. Durch natürliche Zuchtwahl werden sich die Vögel sich die Vögel mit Häuten zwischen den Zehen stärker vermehren und die anderen zahlenmäßig zurückdrängen (oder in andere Gebiete abdrängen).

    - Tritt nun unter den Nachkommen ein Vogel mit noch ausgeprägteren Häuten zwischen den Zehen auf, wiederholt sich der Prozeß, und zwar so lange, bis die Kosten-Schaden-Nutzen-Relation eine weitere Evolution in dieser Richtung abbremst. (z.B. kann der Hals von Giraffen nicht unbegrenzt länger werden: statische Probleme, den Hals durch die Muskulatur zu stabilisieren; Versorgungsprobleme des Gehirns mit Blut; beim Trinken muß die Giraffe die Beine weit spreizen, um mit dem Maul das Wasser zu erreichen: in dieser Stellung ist sie Freßfeinden hilfloser ausgeliefert.)

    L A M A R C K : Entstehung von Gestalt und Hörnern bei Säugern

    "Aus dieser Gewohnheit, täglich große Mengen von Nahrungsstoffen zu verzehren, welche die aufnehmenden Organe ausdehnen, und aus der Gewohnheit, nur mäßige Bewegungen zu machen, hat sich ergeben, daß der Körper dieser Tiere sich beträchtlich verdickt hat, schwer und massiv geworden ist und einen großen Umfang erlangt hat, wie dies bei dem Elephanten, Rhinozeros, Ochsen, Büffel, Pferd usw. zu sehen ist.

    Die Gewohnheit, beinahe den ganzen Tag auf den Füßen zu stehen, um zu weiden, hat die Entstehung eines dicken Hornes veranlaßt, welches das Ende der Zehen ihrer Füße umhüllt, und da die Zehen zu keinem anderen Gebrauche dienten, als den Körper und den übrigen Teil der Beine zu tragen, so haben sich die meisten verkürzt, sie sind verkümmert und schließlich ganz verschwunden.

    Die Wiederkäuer, deren Beine nur zum Tragen des Körpers gebraucht werden können, und die in ihren Kiefern, welche nur zum Abbeißen und Zerreiben des Grases tauglich sind, wenig Kraft besitzen, können sich nur durch Stoßen mit dem Kopfe bekämpfen, indem sie die Stirn gegeneinander richten.

    Bei ihren Wutausbrüchen, die hauptsächlich bei den Männchen häufig sind, lenkt ihr inneres Gefühl durch seine Anstrengungen die Fluida stärker auf diesen Teil des Kopfes hin, und es erfolgt hier bei den einen eine Absonderung von Hornsubstanz, bei den anderen eine Abscheidung von Knochensubstanz vermischt mit Hornsubstanz, wodurch feste Fortsätze gebildet werden; daher die Hörner und Geweihe , mit denen der Kopf der Mehrzahl dieser Tiere bewaffnet ist.

    Jede Veränderung eines Organs vererbt sich auf die Jungen, wenn sie beiden Individuen gemein war, die durch die Befruchtung zur Fortpflanzung ihrer Art beigetragen haben. Diese Veränderung pflanzt sich weiter fort und geht so auf alle aufeinanderfolgenden Nachkommen über, die sich in denselben Verhältnissen befinden, ohne daß sie dieselbe auf dem Wege, auf dem sie wirklich gebildet worden ist, erwerben müßten."

    1.1 Erläutern Sie anhand der Zitate die Aussagen, die für die Evolutionstheorie LAMARCKs eine Rolle spielen. Berücksichtigen Sie alles, was für LAMARCK Triebfeder der Evolution war.

    1.2 Verfassen Sie einen kurzen Text, in dem Sie eine Erklärung für die Körpergestalt und Horn an den Füßen sowie die Herausbildung von Hörnern und Geweihen im DARWINschen Sinne geben.

    Lösung:

    1.1 Die Gewohnheit, viel zu fressen und sich wenig zu bewegen, führt zum Massigwerden der Körper. Es erfolgt also eine individuelle, aktiv erworbene Anpassung an Umweltgegebenheiten.

    Als Ursache für den Wandel werden Gebrauch und Nicht-Gebrauch von Organen genannt. Das ständige Auf-den-Füßen-Stehen beim Weiden führt dazu, daß eine dicke Hornschicht ausgebildet wird. Da die Zehen dabei nicht bewegt und nicht gebraucht werden, werden sie reduziert oder verschwinden ganz.

    Entstehung von Hörnern / Geweihen bei Wiederkäuern nach LAMARCK

    a. Im Tier entsteht das Bedürfnis nach Waffen, um sich im Rivalenkampf zu behaupten. Das innere Gefühl lenkt die Säfte auf den entsprechenden Teil des Kopfes, so daß Horn- bzw. Knochensubstanz gebildet wird, aus denen Hörner und Geweihe entstehen.

    b. Die entstandenen Hörner und Geweihe werden immer wieder im Kampf benutzt.

    c. Die stä