Sexualität und Sprache

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In Deutschland gibt es für Sexualorgane und sexuelle Tätigkeiten entweder eine klinisch-reine medizinisch-lateinische oder eine "schmutzige" Terminologie der "Gosse", im Gegensatz zu Frankreich, wo man sich mit Hilfe eines gesellschaftlich akzeptierten Vokabulars durchaus in der Öffentlichkeit unterhalten kann. Die Basis für die Unfähigkeit, sich auszudrücken, wird schon in der Kindheit gelegt, wenn ein Kleinkind gebadet wird und die Mutter ihre Tätigkeit sprachlich kommentiert: "Jetzt waschen wir das Köpfchen, ... die Ärmchen, ... den Bauch, --- ... ---, ...die Beinchen." Durch Nicht-Benennen, durch Änderungen im Tonfall wird "der Unterleib" ausgespart.

Hinzu kommt, daß die Geschlechtsorgane der Ausscheidung von Stoffwechsel-Schlacken dienen. Da schon die Nahrungsaufnahme reglementiert und Verhaltensweisen tabuisiert sind (Schmatzen, Schlürfen, Rülpsen, Magenkollern), sind die entgegengesetzten Vorgänge erst recht "unanständig". Dies überträgt sich auf die Vorgänge, die ebenfalls mit diesem Bereich verbunden sind. [Funktionell ist es dagegen logisch und rationell, wenn man für gleichartige Abläufe - "Transport von Stoffen aus dem Körper nach außen" - ein gemeinsames System benutzt, über das ökonomisch Verdauungsreste oder Geschlechtszellen (Ei- bzw. Samenzellen) geleitet werden.]

Trotz sexueller Aufklärung und Sexualisierung der Gesellschaft, trotz "Sexwelle" bleibt man im Privaten im wahrsten Sinne des Wortes "sprach-los". Die körperliche Nähe wird so intim wie möglich, aber geistig bleiben Barrieren bestehen. Selbst jahrzehntelang verheiratete Ehepaare sind oft nicht in der Lage, über Sexualität zu kommunizieren, Vorlieben und Aversionen zu thematisieren.

Lehrer und besonders Eltern geraten ganz schön ins Stocken, wenn sie mit ihren Kindern über Sexualität reden sollen. Das Schweigen über Sexualität hat dazu geführt, daß viele Erwachsene gar nichts sagen können, wenn Kinder genauer nachfragen. Aber wenn die Kinder mal Sexwörter aussprechen, die sie draußen aufgeschnappt haben, werden sie ausgeschimpft. Unter Gleichaltrigen gehört es dagegen zum Umgangston, diese angeblich "schmutzigen" Wörter zu benutzen. Kinder lernen also sehr früh, daß es zwei Sprachen der Sexualität gibt: Eine unverfängliche und eine verfängliche. Und Kinder entwickeln auch ein sehr gutes Gespür dafür, wo welche Sprache gesprochen werden darf. Für Jugendliche und Erwachsene ist dies dann schon eine Selbstverständlichkeit. Auf diese Weise werden die Probleme aber nicht gelöst, sondern von Generation zu Generation "vererbt". Dies dokumentiert auch der folgende

Dialog der Eingangssequenz des Films "Kids" (1995)
Die Hauptperson Telly und das anonyme "Girl # 1" 'knutschen' im Bett.

T.: "Du weißt, was ich gerne möchte."
G.: "Ja."
T.: "Sag es: was möchte ich gerne?"
G.: "Du möchtest mich bumsen. Aber du kannst mich nicht bumsen."
T.: "Wieso nicht?"
G.: "Du weißt schon wieso."
T.: "Weil du noch Jungfrau bist?"
G.: "Weil ich kein Baby will."
T.: "Aber ich will auch kein Baby. Wenn du mit mir zusammenbist, brauchst du über so einen Scheiß nicht nachzudenken.
G.: "Wieso denn nicht?"
T.: "Weil ich dich gerne mag. Ich finde, du bist wunderschön. Und wenn wir bumsen würden, würde es dir Spaß machen. Wirst du selber nicht glauben."
G.: "Was nicht glauben?"
T.: "Weiß ich auch nicht. Aber daß es dir Spaß machen würde, das weiß ich."
G.: "Ich weiß nicht. Ich habe nur Angst, daß es alles verändern würde, zwischen uns."
T.: "Wie alles? Gar nichts ändert sich. Ich wünsche mir, daß du glücklich wirst, das ist alles. Es wird auch nicht wehtun. Ich bin ganz vorsichtig. Versprochen."
G.: "Du hast mich wirklich gern?"
T.: "Aber natürlich. Sicher." ... ... ... ["Action"]

Das "uneigentliche", verschleiernde Sprechen zeigt sich in den Formulierungen "miteinander schlafen", "sich [körperlich] lieben" oder den im juristischen Kontext gebräuchlichen Formulierungen "die ehelichen Pflichten / den Geschlechtsakt vollziehen", "[Geschlechts-]Verkehr haben", "es ist zum Koitus gekommen", während in der Bibel die orientalisch-blumige-metaphorische Formulierung "sie erkannten sich" gebräuchlich ist, die aber zutreffend charakterisiert, daß man "dabei" das Wesen seines Partners erkennt, eine Verstellung nicht möglich ist und Egoismus offensichtlich wird.

Allerdings ist die Verständigung über Sexualität, über sexuelle Wünsche und Probleme nicht nur eine Frage der "richtigen" Wörter. Wie zum Beispiel der Satz: "Ich möchte mit dir bumsen!" wirkt, hängt von verschiedenen Begleiterscheinungen ab. Der Satz kann je nach Tonfall und Situation und je nachdem, wie "Sprecher" und "Hörer" zueinander stehen und wie sie sonst miteinander sprechen, ganz verschieden klingen. Und er kann auf den Hörer ganz naders wirken, als er vom Sprecher gemeint ist.

Als im 18. Jahrhundert der Kampf gegen die sexuelle Lust begann, wurden natürlich auch alle Wörter, die damit zu tun hatten, verpönt. Schon die Benennung der Geschlechtsorgane wurde in jener Zeit für unsittlich gehalten. Ein damals bekannter Pädagoge sprach nicht von der "Rute des Mannes" (wie in früherer Zeit üblich), sondern vom "Teil, durch den der Körper eine bestimmte Flüssigkeit absondert". Und ein anderer Pädagoge aus dieser Zeit gab die Empfehlung, die auch heute noch befolgt wird: "Was man auch sagen und vernünfteln mag, das Palladium [= Schutz] der Unschuld ist die Unwissenheit, und mit dem Erwachen des Geschlechtstriebes fängt eine Reihe von Unannehmlichkeiten und kritischen Vorfällen an ... Man benenne also die Geschlechtstheile nicht mit deutschen, sondern mit lateinischen oder griechischen Namen, deren Bedeutung man nicht weiter angibt." (zit. nach J.van Ussel: Sexualunterdrückung, Reinbek 1970)

Während der "sexuellen Revolution" nach der Studentenrevolte 1968 versuchte man, die "sexuelle Befreiung" über die Sprache zu erreichen: "Das Geschlechtsteil des Jungen ist das "Glied" (auch Penis, Pimmel, Latte, Rute, Schweif genannt - ich benutze hier den Ausdruck "Schwanz"). Der Schwanz hängt normalerweise nach unten. Bei sexueller Erregung wird der Schwanz steif. ...Am erregbarsten von allen sind deine Geschlechtsteile (die ich in diesem Buch Musch nennen will)." Antje Kunstmann: Mädchen. Sexualaufklärung emanzipatorisch.

[Besonders leicht entstehen Mißverständnisse, wenn man sich ohne Worte verständigt, wenn man sozusagen mit dem Körper spricht. Jeder kennt den "vielsagenden" Blick, das leichte Achselzucken, den "aufreizenden" Gang, die hängenden Mundwinkel. Diese Körpersprache ist schwer zu deuten bzw. mißverständlich, man kann mit ihr aber auch Gefühle und Wünsche oft viel besser ausdrücken als mit Worten - besonders, wenn es um Sexualität geht.]

Nimm Stellung zu den im Text angesprochenen Problemen, indem die die Fachtermini "Konvention[alität] sprachlicher Zeichen", "Denotation", "Konnotation" ... benutzt. Wie könnte ein "Euphemismus" in diesem Bereich aussehen, gibt es [kann es] hier eine "Sprachlenkung" geben] ?

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